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Terror: Warum mehr Security sinnlos ist

27. Jul. 2016

Von Manuel Stark

Immer häufiger kommen sie auf. Und immer lauter werden sie gefordert. Heftigere Security-Kontrollen sollen für ein Gefühl der Sicherheit auf den Festivals sorgen. Doch mehr und intensivere Security brächte nichts – außer teurerer Tickets. Ein Plädoyer gegen die Angst.

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In den Tagen der Anschläge von Würzburg, München und Ansbach wächst die Angst. Vor dem Unbekannten, vor der Gefahr inmitten des Alltags, vor dem Tod. “Was ist, wenn so ein Irrer versucht, sich auf einem Metal-Festival in die Luft zu sprengen”, diese Frage liest man immer wieder in verschiedensten Foren zum Thema Metal und Rock in Deutschland sowie in unzähligen Facebook-Gruppen aber auch auf der Timeline von Privatprofilen.

Es sind keine Hetzer, die diese Frage stellen. Keine Pöbler aus der rechten Ecke, die das politische Klima aufheizen wollen oder gar die Anschläge missbrauchen, um Massen zu manipulieren. Nein, es sind ganz normale Menschen. Vom Lehrer über den Studenten bis hin zum Mechaniker oder Werkzeugbauer. Es ist ein Durchschnitt der gesamten Gesellschaft, so bunt wie die Besucher eines Metal-Festivals eben sind. Und genau hier liegt das Problem.

Bewusste Hetze lässt sich durchschauen, gezielte Polemik mit Fakten entkräften, Stimmungsmache mit Haltung begegnen. Aber wie geht man mit der blanken und ehrlichen Angst von Menschen um, die über TV, Zeitung, Internet oder sogar persönliche Bekanntschaften vom Terror erfahren haben? Deren Angst den Terror zum Teil ihres alltäglichen Lebens macht?

Vermutlich ist es das Beste, die Fakten sprechen zu lassen. “Das kann genauso hier passieren, das ROCKHARZ/ SUMMER BREEZE/ WACKEN ist schon lange kein kleines Festival mehr”, ruft es in Facebook. Und es stimmt. Es kann dort passieren. Genauso wie es in einer Münchener McDonalds-Filiale oder einem Regionalzug nahe Würzburg passieren konnte. Ohne, dass es jemand geahnt hätte. Ohne, dass sich jemand darauf vorbereiten konnte. Und jetzt?screen metal4 terror

Intensivere Einlasskontrollen werden gefordert, strengere Bestimmungen, “ich warte lieber etwas am Eingang”,  heißt es. Doch bleiben wir doch einmal bitte realistisch: Die Sicherheit eines Konzertes oder Festivals lebt zum größten Teil nicht von der Arbeit einer mit militärischer Genauigkeit operierenden Security, sondern von der friedfertigen Einstellung von Tausenden Besuchern, die sich, vereint durch denselben Musikgeschmack, wie zu einer Familienfeier zusammenfinden. Da mag das Festival ROCKHARZ oder SUMMER BREEZE heißen, OUT&LOUD oder HELLRAISER, dieses gemeinsame Fundament haben sie alle. Ohne dieses Fundament, wären sie alle mit entschiedener Sicherheit zum Scheitern verurteilt.

Gehen wir dennoch einen Schritt weiter und nehmen den Vorschlag drastischer Kontrollen an, ja, gehen wir sogar so weit anzunehmen, dass sich tatsächlich ein Attentäter unter diesen vielen Tausend tollen Menschen versteckt hielte. Was genau würde die intensivere Security-Kontrolle am Eingang zum Infield einer Festlichkeit ändern?

Spielen wir einmal das optimistischste Szenario durch und der Attentäter wird tatsächlich durch die Security vor dem Betreten des Infield abgehalten: Dann sprengt er sich mit hoher Wahrscheinlichkeit als Folge dieses Umstandes eben bereits vor dem Kontrollpunkt in die Luft. – Was wäre dann hiermit gewonnen? Durch die drastischen und damit auch zwangsläufig länger andauernden Kontrollen hätten sich Hunderte, wenn nicht gar Tausende in eben diesem Umfeld der Explosion versammelt. Schon ohne derart intensive Kontrollen warten vor dem Auftritt so mancher großer Bands oft Hunderte an der Security-Schleuse. Die einzig tatsächliche Wirkung wären längere Wartezeiten, ein höheres Stress-Level der Konzertbesucher und in dessen Folge eine möglicherweise erhöhte Agressivität und Gewaltbereitschaft.

Wahrscheinlicher aber ist, dass ein möglicher Attentäter sich erst gar nicht lange mit Security-Kontrollen aufhält. Allein ob Axt, Schusswaffe oder Bombe, einen Weg zumindest kurzfristig an den Sicherheitsleuten vorbei und mitten in die Menge zu sprinten gibt es immer. Im Falle einer Bombe ist jegliche noch so gut ausgebildete Security gegen solch einen Sprint machtlos. Ebenso verhält es sich im Falle einer Schusswaffe, gegen die jede noch so grandiose Security nichts entgegensetzen kann. Und im Falle einer Axt? Könnte der Angreifer auf dem Zeltplatz schließlich einen genauso großen, ja vermutlich sogar deutlich größeren Personenschaden erzielen, als auf dem Festgelände.

Was also sollen wir tun? Kann uns denn gar nichts vor dem möglichen Terror retten? So kalt die Antwort auch klingen mag, aber nein. Weder die Deutschen Behörden und erst Recht nicht eine Festival-Security wird einen bewaffneten Irren davon abhalten können, auf einem Festival oder Konzert Schaden anzurichten, sollte er das tatsächlich wollen.

Genau deshalb sollten wir uns aber nicht einschüchtern lassen, sondern das Fest genießen. Unser Leben und die Musik feiern, unseren Musikern auf der Bühne für ihre Performance und Mühe zujubeln und dem Leben den Respekt und die Anerkennung zollen, die es verdient. Ja, es mag stimmen, es gibt immer irgendwie die Möglichkeit, dass auf irgendeine Art und Weise zu irgendeiner Zeit irgendein Umstand für unseren Tod sorgt. So war es aber schon immer. Und noch immer ist sogar die Wahrscheinlichkeit am eigenen Essen zu ersticken deutlich höher, als bei einem Terroranschlag umzukommen.

Wenn es dann aber doch passiert, interessiert niemanden mehr die Wahrscheinlichkeit? Stimmt. Wenn eure Luftröhre gerade würgend gegen die letzten Reste des trockenen Brötchens eures verspeisten Festival-Burgers ankämpft und ihr droht zu ersticken, werdet ihr euch in diesem Moment wohl auch kaum Gedanken über die theoretisch irgendwie wohl vorhandene Möglichkeit irgendwelcher Terroristen machen, die es auf euer Konzert abgesehen haben.

Also: Genießt lieber eure Konzerte und Festivals, die gute Musik und das leckere Essen! Das Leben ist zu kurz, um es in ständiger Angst vor irgendwelchen finsteren Szenarien zu verbringen. Und sollte es irgendwann tatsächlich zum Schlimmsten kommen, wer hätte bis dahin nicht lieber voller Genuss gelebt, als voller Angst gezittert? Viva la vida!

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