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DENNIS – Der sterbende Musiker

15. Apr. 2016

 

Dennis ist mit seinen 1,95 Metern außergewöhnlich groß. Der 18-Jährige überragt alle in seiner Klasse, und das nicht nur mit seiner Körpergröße. In der Schule stach er bis vor Kurzem durch seine Leistung heraus. Er hatte viele Einsen und Zweien, schlechtere Noten waren die Ausnahme. Auch in der Schulband war Dennis als Sänger und Gitarrist aktiv. Er galt als Symbol dafür, dass auch allein erziehende Väter durchaus in der Lage sind, ein Kinds beispielhaft groß zu ziehen. Inzwischen hat sich das alles geändert. Im Februar brach er die Schule ab. Auch von der Schulband wollte er lange Zeit nichts mehr wissen.

Seitdem reist er in ganz Deutschland herum und gastiert bei verschiedenen Künstlern und regional bekannten Bands auf der Bühne, immer unter anderem Namen. Geld bekommt er dafür selten. Das möchte er aber auch gar nicht. “Was will ich denn damit? Die anderen haben es nötiger als ich”, erzählt er. “Ich habe erst kürzlich geerbt, das reicht für mich noch gute zwei Jahre.” Zwei Jahre Versorgung also für einen jungen Menschen ohne Schulabschluss. Manch einer würde bei diesen Aussichten verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammen schlagen. Nicht so Dennis. Er lacht ob der Frage, wie er sich denn ein Leben nach diesen zwei Jahren vorstellt.  “Gar nicht”, sagt er noch immer lächelnd, “Bis dahin bin ich gestorben”.

Was sich anhört wie die fordernde Antwort eines Jugendlichen, der gegen das durch Zwänge geprägte Leben rebellieren will, ist leider völliger Ernst. Dennis leidet an einer seltenen Entwicklungskrankheit. Bereits mit 14 Jahren war er ausgewachsen, dafür beginnt sein körperlicher Verfall sehr schnell und ist mit keinem bekannten Mittel aufzuhalten. Was andere zum Verzweifeln bringt, trägt er mit Fassung.  Für Selbstmitleid ist bei ihm kein Platz. “Was bringt es denn sich selbst fertig zu machen?”, fragt er “dadurch wird das Ganze auch nicht besser.”

Bei der Frage, wie er denn von seiner Krankheit erfahren habe, verschwindet für kurze Zeit doch einmal das Lächeln auf seinem Gesicht. Es waren die Tage nach dem Tod seiner Großmutter. Dennis selbst hatte wenig Kontakt zu der alten Frau, sein Vater allerdings war durch ihren Tod am Boden zerstört. “Er weinte und weinte den ganzen Tag. Das war wirklich schlimm”, schildert Dennis diese Zeit, “zudem hat er ununterbrochen gewimmert, dass er jetzt bald völlig allein zurückbleibt. Das ergab für mich damals keinen Sinn. Er hatte doch noch mich.” Heute weiß Dennis weshalb sein Vater so verzweifelt war, weiß was er damit gemeint hatte “ganz allein” zurück zu bleiben. Kurz nach seinem 18. Geburtstag erfuhr er durch seinen Vater von seiner Krankheit.

Diese Erfahrung war ein Schock für ihn. “Am Anfang wollte ich es nicht wahr haben und habe meinen Vater angeschrien. Wenn ich ehrlich bin habe ich ihm die Schuld dafür gegeben. Das war falsch.”, erzählt er. Eine Woche lang trieb er sich im Wald herum und wollte niemanden sehen, übernachtete auf weichem Moos und bei Regen unter kleinen Holzbrücken. Seinem Vater hinterließ er nur einen kleinen Zettel, auf dem er um Geduld bis zur Wiederkehr bat. “Ich brauchte die Zeit zum nachdenken”, erzählt er. Als Dennis schließlich wieder nach Hause kam, hatte er sich mit seinem Schicksal abgefunden. “Nehmen wie es ist und das Beste daraus machen”, das war schon immer sein Motto. In der wohl härtesten Zeit seines Lebens wurde diese Einstellung zu einem festen Teil seiner Persönlichkeit.

Der Vater hätte die letzte Zeit wohl gerne gemeinsam mit seinem Sohn verbracht und jede Sekunde gemeinsam genossen, doch das war nicht das, was Dennis wollte. “Ich habe meinem Vater erzählt was ich vorhabe und er hat zwar geweint, aber auch bestätigend genickt. Ich habe in allem immer volle Unterstützung von ihm erfahren”. Jetzt lächelt Dennis wieder. Etwas zurückhaltender als vorher, aber doch immer noch ehrlich. Er geht nun seinen Weg als Musiker, bereist deutschlandweit Städte und Dörfer und beteiligt sich an Auftritten völlig fremder Bands. Sein Schicksal kennen dabei nur wenige. “Es ist toll zu erleben wie offen die Leute für einen Gastauftritt sind, auch wenn sie dich noch nie gesehen haben”, erzählt er, “das Wissen um meine Krankheit würde diese Atmosphäre aus Spaß und einer geilen Zeit nur im Weg stehen, deswegen erwähne ich sie erst gar nicht. Die Bands sollen mich ja freiwillig mitmachen lassen und sich nicht dazu verpflichtet fühlen.”

Am liebsten ist Dennis dabei in der Metal- und Rockszene unterwegs. “Da hab ich einfach ein so familiäres Gefühl wie sonst nirgends”, erzählt er.
Wo er als nächstes Auftritt weiß er noch nicht. Diese Entscheidung fällt er immer aus dem Bauch heraus. Wenn ihr also demnächst einen unbekannten Gastkünstler auf der Bühne stehen seht, dann passt auf und hört hin. Vielleicht ist er es ja.

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